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Knochenfunde: Wenn "Preußen" auf dem Dachboden liegen
Lüttich (AFP) - Als "Napoleons letztes Gefecht" ist die Schlacht bei Waterloo aus dem Jahr 1815 bekannt. Ob Gebhard Leberecht von Blücher oder der Herzog von Wellington: Die Namen der Generäle haben Geschichte geschrieben. Über die rund 20.000 getöteten Soldaten aber ist wenig bekannt. Ihre sterblichen Überreste verschwanden nach dem Gemetzel nahezu vollständig. Doch Forscher sind dem Rätsel der verschollenen Gebeine auf der Spur.

Zwei Schädel, drei Hüftknochen sowie einige Rippen liegen vor dem Historiker Bernard Wilkin im Institut für Rechtsmedizin in der belgischen Stadt Lüttich. "Solch eine große Zahl von Gebeinen ist wirklich einzigartig!", sagt er.

Historiker untersucht Knochenfunde

Mehr als 200 Jahre nach der Schlacht bei Waterloo rund 20 Kilometer südlich von Brüssel unterzieht Wilkin die Knochen einer Reihe von Untersuchungen. Der leitende Historiker vom Generalarchiv des Königreichs Belgien will herausfinden, aus welcher Region die Soldaten stammten.

Denn bei Waterloo kam es zu einer regelrechten Völkerschlacht: Napoleons Armee stieß auf eine britisch-preußische Allianz unter Wellington und Blücher. Der Kaiser der Franzosen, kurz zuvor triumphal aus der Verbannung auf der Insel Elba zurückgekehrt, wollte die Feinde mit seiner Attacke am 18. Juni 1815 hinwegfegen. Doch es kam bekanntlich anders.

"Herr Wilkin, ich habe Preußen auf meinem Dachboden" - mit diesen Worten überraschte ein älterer Herr den Forscher kürzlich nach einer Konferenz zur Schlacht bei Waterloo. "Er hat mir Fotos auf seinem Smartphone gezeigt und hat mir erklärt, dass jemand ihm die Gebeine überlassen hat, um sie auszustellen", erzählt der Historiker. "Das lehnt er aus moralischen Gründen aber ab."

Knochenreste auf dem Dachboden gelagert

Also blieben die Skelett-Teile auf dem Dachboden verborgen - bis zu der Konferenz. Der ältere Herr habe "sich gesagt, dass ich womöglich der richtige Ansprechpartner bin, um eine würdige Grabstätte zu finden", erzählt Wilkin. Das Hauptstück des Fundes: Fast vollständige Knochen eines rechten Fußes, der laut dem Spender "einem preußischen Soldaten" gehört haben soll.

"Ein so gut erhaltener Fuß ist extrem selten", sagt die Anthropologin Mathilde Daumas von der Freien Universität Brüssel, die an den Untersuchungen teilnimmt. Ob es sich wirklich um einen "preußischen" Fuß handelt, ist für sie nicht ausgemacht.

Gefunden wurde der Fußknochen im belgischen Dorf Plancenoit bei Waterloo. Dort stießen die preußischen und französischen Truppen an jenem Junitag 1815 zusammen. Er könnte deshalb auch zu einem Soldaten Napoleons gehören, sagt Bernard Wilkin. Dagegen sprechen allerdings preußisch anmutende Stiefel- und Uniformreste, die bei den Knochen gefunden wurden.

Die Funde gelten auch deshalb als sensationell, weil bisher überhaupt nur zwei Skelette aus der Schlacht bei Waterloo aufgetaucht sind. Erst im vergangenen Sommer konnten Archäologen nach Grabungen unweit von Wellingtons damaligen Feldlazarett ein vollständiges Skelett rekonstruieren.

Zuckerhersteller verwendeten Knochen und Gebeine industriell

Für den merkwürdigen "Knochenschwund" haben Wilkin und seine Kollegen eine frappierende Erklärung: Im 19. Jahrhundert durchkämmten Knochenhändler frühere Schlachtfelder. Sie verkauften die Gebeine an Zuckerhersteller, die sie industriell zerrieben. Solche Knochenkohle wird noch heute beim Raffinieren von Zucker eingesetzt, allerdings aus Tier-Knochen - deshalb ist Zucker für viele Veganer tabu.

Über die "Preußen-Knochen" soll es in wenigen Monaten Gewissheit geben, sie werden nun umfassend analysiert. Die Forscher interessiert vor allem das Strontium in den Knochen, denn es gibt Hinweise auf die geologische Herkunft eines Menschen.

"Idealerweise", so hofft Bernard Wilkin, werden Deutsche und Franzosen unter den "drei bis fünf" Soldaten sein, dessen sterbliche Überreste ihm vorliegen. Sie könnten dann gemeinsam in einem Friedhof bei Waterloo bestattet werden. Nach den vielen erbitterten Kriegen der "Erzfeinde" wäre dies doch eine "schöne Botschaft", sagt Wilkin.

lob/ans

© Agence France-Presse
https://bit.ly/3Ys6Mjw

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